10. Januar 2018

„Wir haben 2018 die Chance, das aufgestaute Geld endlich auszugeben“

 

Bürgermeister Gruchmann auf Bürgerversammlung

Das große Stadtspiegel-Interview mit Bürgermeister Dietmar Gruchmann

Der Stadt Garching geht es immer besser, aber die Herausforderungen sind auch enorm. Über die Zukunft Garchings und die Situation im Stadtrat sprach Bürgermeister Dietmar Gruchmann mit uns im Interview.

 

 

Das Jahr 2017 ist zu Ende. War es für Garching ein gutes Jahr, Herr Gruchmann?
Gruchmann: „Ja, es war gut. Wir haben einige Projekte vorangebracht und die Haushaltszahlen für 2018 versprechen Superlative. Mit 91 Millionen Euro Volumen haben wir den größten Haushalt, der jemals in Garching präsentiert wurde. Nur beim U-Bahn-Bau waren wir im Jahr 2005 mit 90,5 Millionen einmal in ähnlichen Dimensionen. Am meisten hat mich aber gefreut, dass wir bereits im Dezember dem Stadtrat den Haushalt für 2018 präsentieren konnten. Das hatten wir seit Generationen von Stadträten nicht mehr in Garching. Das hatte selbst mein Amtsvorvorgänger Manfred Solbrig, der ja als ehemaliger Stadtkämmerer diesbezüglich besonders ambitioniert war, nicht geschafft. Darauf bin ich sehr stolz! Denn wenn der Haushalt – wie in der Vergangenheit meist der Fall – erst im März beschlossen und im Mai vom Landratsamt freigegeben wird, dann kann man erst spät mit den Ausschreibungen beginnen, und das verzögert die Umsetzung von Projekten, denn Mitte des Jahres sind die Auftragsbücher der Firmen meist schon voll – wie wir zum Beispiel beim Bürgerhaus erleben mussten, wo wir deshalb ein Jahr mit der Generalsanierung in Verzug sind. Wenn der Stadtrat jetzt mitgeht, dann haben wir 2018 die Chance, das aufgestaute Geld endlich auszugeben und viele Verbesserungen auf den Weg zu bringen.“

Machen die steigenden Einnahmen der Stadt das Leben leichter?
Gruchmann: „Natürlich gehen jetzt die Konzepte meiner Vorgänger- Bürgermeister auf. Das begann mit der Weitsicht von Helmut Karl, die U-Bahn als städtischen Motor zu installieren. Er unterstützte zudem neue Gewerbeansiedlungen sowie die Technische Universität und die anderen wissenschaftlichen Einrichtungen. Der nächste Schritt war der von Manfred Solbrig eröffnete Business Campus sowie die U-Bahn-Verlängerung und zuletzt die Ansiedlung von Swiss Life durch meine Vorgängerin Hannelore Gabor. Und ich arbeite jetzt daran, dass auch meine Nachfolger eines Tages von meiner Arbeit profitieren können… Stichworte: 5-Minuten-Takt und U6-Verlängerung nach Neufahrn.“

Also soll der Haushalt 2018 nicht das Ende der Fahnenstange sein. Bekommen wir jedes Jahr einen neuen Rekord bei den Einnahmen und dem Haushaltsvolumen?
Gruchmann: „Die Tendenz weist auf Einnahmesteigerungen hin – wenn es nicht übergeordnete, negative bundes- und finanzpolitische Konstellationen geben sollte. Die nächsten Ansiedlungen haben sich in Garching konkret angekündigt und dazu laufen im Hintergrund natürlich Gespräche mit Firmen, die sich auch möglichst bald in Garching niederlassen wollen. Unser Kämmerer arbeitet derzeit bei der Gewerbesteuer mit sehr vorsichtigen Ansätzen, aber auch er geht davon aus, dass wir recht schnell die 40-Millionen-Euro-Marke bei den Gewerbesteuereinnahmen überschreiten werden.“

Hat der gewohnt lebendige Garchinger Stadtrat dann entspanntere Diskussionen mit ein paar Euro mehr in der Kasse?
Gruchmann: „Das glaube ich nicht, weil mit den Einnahmen auch die Begehrlichkeiten wachsen. Wir alle wissen, welche großen Projekte heute in unserer Pipeline stecken. Da haben wir die Volkshochschule, die Feuerwehr und die Grundschule Nord. Dazu brauchen wir einen größeren Bauhof mit angegliedertem Wertstoffhof. Auch die Anträge verschiedener Vereine liegen uns schon auf dem Tisch.“

Sie haben uns gleich spannende Stichworte gegeben. Wann könnte denn die Feuerwehr erstmals zum Einsatz vom neuen Feuerwehrhaus ausrücken?
Gruchmann: „Versprochen ist der Spatenstich 2019. In der Januar-Sitzung bilden wir einen Wettbewerbsausschuss und machen dieses Jahr die Ausschreibungen. Noch in dieser Legislaturperiode bis 2020 ist der Baubeginn. Der Mietvertrag für die Postcontainer ist daher auch begrenzt worden bis zum 30. Juni 2019.“

Und wann gibt die Volkshochschule den ersten Kurs in den neuen Räumlichkeiten?
Gruchmann: „Da sitzen wir gerade dran. Der Stadtrat hat der Verwaltung die Aufgabe gegeben, dass die Stadt möglichst Besitzer des gesamten Grundstücks bleiben soll. Und das ist nicht leicht, wenn ein Großteil der VHS-Kosten über einen Bauträger erwirtschaftet werden soll. Einfacher wäre es, das halbe Grundstück zu verkaufen und diese Einnahmen in den VHS-Bau umzulenken. Aber auch bei diesem Projekt wird heuer etwas vorangehen. Als Vorsitzender der Volkshochschule bin ich ja in der Pflicht, wenn die Nachbarkommunen schon in die Vollen gehen.“

Jede Kommune hat ihre Schwerpunkte. Unterschleißheim hat die Sprachen, Ismaning die Kultur, Unterföhring will groß aufkochen. Was hat der VHS-Vorsitzende für Garching vor?
Gruchmann: „Dafür haben wir ja einen VHS-Geschäftsführer, der sich darüber Gedanken machen soll.“ (lacht)

Wir haben auch zwei spannende Campusse. Der Campus Iist der Forschungscampus, der gefühlt immer schneller wächst. Was kommt von der Entwicklung bei der Stadt an?
Gruchmann: „Es freut uns, dass sich dort kontinuierlich etwas tut. Der Kultusminister Spaenle sagt ja schon bei fast jedem Festakt, dass es irgendwann München bei Garching heißen wird. Das darf sich gerne in die Tat umsetzen, was den Bekanntheitsgrad betrifft, nicht die Einwohnerzahl! Ich würde mir aber etwas mehr Kooperationsbereitschaft des Staatlichen Bauamtes in Bezug auf die Wünsche der Stadt Garching wünschen. Wir haben dort ja baurechtlich die Sondersituation, dass wir wegen den übergeordneten Ministerien nicht mit Bebauungsplänen arbeiten, sondern nur mit einfachen Zustimmungen der Stadt zu den Plänen des Freistaates. Wir sind da bislang sehr großzügig, daher sollten auch unsere Wünsche auf dem einfachen Dienstweg berücksichtigt werden.“

Zum Beispiel?
Gruchmann: „Da geht es zum Beispiel um den Wunsch, dass unsere direkt neben dem Forschungscampus liegende Geothermie berücksichtigt wird. Wir haben da eine hundert Prozent regenerative Alternative zu dem in die Jahre gekommenen Gas-Heizkraftwerk der TU München. Wir haben da draußen schließlich auch Fakultäten, die progressiv mit neuen Techniken umgehen wollen. Es gibt ja sogar einen Lehrstuhl, der sich mit Geothermie beschäftigt.“

Stocken die Gespräche oder finden gar keine statt?
Gruchmann: „Wir wollten mit unseren Geothermie-Leitungen nur prophylaktisch durch den neuen Straßenraum zu den Abnehmern wie General Electric, der Metallbauinnung oder dem Institut für Entrepreneurship. Das war mir persönlich zu zäh, die entsprechenden Genehmigungen zu bekommen. Das muss zukünftig kooperativer geschehen!“

Aber die Genehmigung ist jetzt da?
Gruchmann: „Ja. Es war nur schade, dass wir unnötig viel‚ Energie’ und Zeit verloren haben.“

Mit dem Campusspiegel möchte unser Verlag auch etwas dazu beitragen, dass der Forschungscampus und die Stadt zusammenwachsen. Geht da etwas voran?
Gruchmann: „Absolut. Das jüngste Beispiel ist die Sanierung des Bürgerhauses. Da gibt es Engpässe bei den Räumen, die wir den Vereinen zur Verfügung stellen.Da haben die TUM und andere Institute eine große Hilfsbereitschaft bewiesen. Der Schachclub zum Beispiel trainiert in den Räumen der Informatik-Fakultät. Auch Prof. Lienkamp von Institut für Fahrzeugtechnik stellt völlig unkompliziert Räume zur Verfügung. Es gibt auch immer mehr Veranstaltungen mit expliziten Einladungen an die Garchinger Bevölkerung. Und nicht zuletzt stehe ich in regem, regelmäßigem, vertrauensvollem und direktem Austausch mit dem TU-Präsidenten und dem TU-Kanzler.“

Der Campus II ist der Business Campus, der sich sehr gut entwickelt. Der macht auch Freude, mehr finanziell als zwischenmenschlich…
Gruchmann: „Das ist sowohl als auch. Da haben wir auch einen sehr vertrauensvollen Kontakt zu der Geschäftsführung. Die nächste große Firma dort ist die Deutsche Pfandbriefbank, die auch früher als geplant einziehen will. Deshalb muss das nächste Parkhaus schneller fertig werden. Wir wollten einen provisorischen Parkplatz nördlich von dem Gelände errichten. Da wurde uns jetzt vom Landratsamt eine Ausnahmegenehigung in Aussicht gestellt.“

Wieviel Platz ist noch auf dem Business Campus?
Gruchmann: „Nächstes Projekt ist ein Hotel in der Mehr-Sterne-Kategorie. Das wird ganz exklusiv. Auf der Ostseite des Sees soll noch der 60-Meter-Tower entstehen. Da sind wir schon gespannt, wen der Business Campus noch als Mieter an Land zieht.“

Und wenn der Business Campus voll ist?
Gruchmann: „Dann sollte es das Ziel sein, das bestehende Gewerbegebiet nachzuverdichten und attraktiver zu gestalten.“

Gibt es Möglichkeiten, den weniger begeisternden Bestand wegzubekommen?
Gruchmann: „Wir sind dankbar für alle hier angesiedelten Unternehmen. Wir haben einen großen und gesunden Mix von Speditionen über das Asphaltwerk bis hin zu den DAX-Konzernen. Das ist eine Sache der freien Marktwirtschaft, Schlussfolgerungen für die richtige Standortwahl zu ziehen. Natürlich kann man sich fragen, ob der Standort eines Gabelstaplerunternehmens direkt am U-Bahnhof Hochbrück aus wirtschaftlicher Sicht für das Unternehmen der richtige ist. Oder eine groß dimensionierte Autovermietung. Wäre es nicht besser, dort Büroraum mit hoher Mitarbeiterfrequenz entstehen zu lassen? Aber wie gesagt: Das entscheiden die Eigentümer, nicht die Stadt.“

Kann die Stadt für solche Veränderungen nur warme Worte sprechen oder auch echte Anreize schaffen?
Gruchmann: „Man kann durchaus Anreize schaffen mit einem interessanten Baurecht, das eine Niederlassung wirtschaftlich lukrativ macht.“

Was ist Ihr Wunsch für 2018?
Gruchmann: „Die absolute Harmonie im Stadtrat.“

Wir korrigieren: Realisierbare Wünsche für 2018?
Gruchmann: „Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn wir den Neubau der Volkshochschule auf den Weg bringen. Wir wollender Kinderbetreuung in allen Kategorien gerecht werden. Da sind wir auf dem richtigen Weg. Mit unserer jetzt beschlossenen zusätzlichen Arbeitsmarktzulage für alle städtischen Mitarbeiter haben wir auch bessere Chancen, Personal für die Kinderbetreuung zu finden.“

Es geht etwas voran. Die Arbeit macht Spaß…?
Gruchmann: „In dem Beruf als Bürgermeister kann man etwas bewegen, das macht Spaß. Und nichts ist so beständig wie die Veränderung. Ich konzentriere all meine Kraft darauf, das neue Garching zu formen. Ich hoffe, ich mache meine Arbeit im Sinne von möglichst vielen Mitmenschen.”

Vielen Dank für dieses Gespräch.
Gabi Cygan und Nico Bauer